WAVZ® KI-Briefing

16 Monate ohne Importe, und ein Agent statt zwölf

Ohne digitale Technik aus dem Ausland kämen deutsche Unternehmen im Krisenfall im Schnitt 16 Monate aus, zwei Monate länger als 2025. Das ergibt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, veröffentlicht am 19. Oktober. *

KI & Mittelstand

Ohne digitale Technik aus dem Ausland kämen deutsche Unternehmen im Krisenfall im Schnitt 16 Monate aus, zwei Monate länger als 2025. Das ergibt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, veröffentlicht am 19. Oktober. 96 Prozent der Firmen beziehen digitale Technologien oder Dienste aus dem Ausland. Bei KI sind es 56 Prozent, bei Software 68 und bei Cloud-Diensten 73 Prozent. Bemerkenswerter finde ich, wohin die Sorge gewandert ist. 73 Prozent sorgen sich inzwischen wegen der Abhängigkeit von den USA, 2024 waren es 38 Prozent. Bei China stieg der Wert von 69 auf 79 Prozent. Fiele der Nachschub aus, träfe es vor allem das Kerngeschäft, nämlich Produktion (93 Prozent), Vertrieb (91) und Logistik (87). Gehandelt wird bereits. 44 Prozent setzen stärker auf Anbieter aus Deutschland und Europa, 40 Prozent bereiten einen Anbieterwechsel vor. Den Ausschlag gibt am Ende trotzdem der Preis, für 97 Prozent das wichtigste Auswahlkriterium. Souveränität steht auf jedem Wunschzettel, auf der Rechnung zählt dann der Listenpreis. Wer KI-Werkzeuge so einkauft, sollte die Frage nach dem Plan B wenigstens einmal schriftlich beantwortet haben.

Agentenbuilding

Ein einzelner Agent mit gut sortiertem Werkzeugkasten schlägt oft ein ganzes Team spezialisierter Agenten. Das empfiehlt Anthropic in einem Leitfaden vom 22. Oktober, gestützt auf Projekte des eigenen Applied-AI-Teams bei Unternehmenskunden. Viele Firmen bauen Agenten bisher nach dem Organigramm, mit je einem Unteragenten für Buchhaltung, Versand und Reklamationen und einem Verteiler darüber. Jede Übergabe kostet Zeit und Kontext, weil der nächste Agent nur einen Ausschnitt dessen erfährt, was vorher besprochen wurde. Anthropic setzt stattdessen auf einen Hauptagenten, der Fachwissen und Werkzeuge erst lädt, wenn er sie braucht. Das Wissen steckt in sogenannten Skills, kleinen Anleitungspaketen, die der Agent bei Bedarf öffnet und sonst geschlossen lässt. So bleibt sein Arbeitsgedächtnis frei für die eigentliche Aufgabe. Ein Kunde maß nach dem Umbau rund doppelt so schnelle Durchläufe. Ein anderes Unternehmen hatte etwa ein Dutzend Spezialagenten im Kundenservice und bekam keinen einheitlichen Ton mehr hin. Blind zusammenlegen sollte man trotzdem nicht. In einem Test beantwortete der Hauptagent eine Frage zum Liefertermin selbst, statt beim Versand-Spezialisten nachzufragen, und das nur in einem von zwei Durchläufen. Anthropic rät deshalb, Unteragenten einzeln einzugliedern und jeden Schritt mit Testfällen zu prüfen, für den Anfang reichen zehn Musterbeispiele. Ab etwa 30 bis 50 Werkzeugen wählt ein Agent spürbar öfter das falsche. Wer ein Agentenprojekt in Auftrag gibt, darf also ruhig fragen, wozu es sieben Agenten braucht.

Wissenschaft & Studien

KI-Hilfe macht junge Fachkräfte sofort besser, bringt ihnen aber nicht automatisch etwas bei. Das legt ein dreimonatiger Feldversuch mit 133 Patentanwält:innen aus elf US-Kanzleien nahe, den ein Team um den Ökonomen David Autor als NBER-Arbeitspapier veröffentlicht und im Oktober überarbeitet hat. Mit einem KI-Schreibassistenten wurden Patententwürfe messbar besser, bei Jüngeren deutlich stärker als bei Erfahrenen. Anschließend überarbeiteten alle einen fehlerhaften Entwurf ohne KI. Den Vorsprung der KI-Gruppe trugen dabei allein die Erfahrenen, die Jüngeren lagen im Schnitt nicht vorn. Ihre Ergebnisse streuten stärker, manche wurden besser, andere schlechter. Die Stichprobe ist klein, Google hat die Studie bezahlt, und fünf der sieben Autor:innen arbeiten dort. Als Warnsignal taugt der Befund trotzdem. Wer Berufseinsteiger:innen mit KI arbeiten lässt, sollte ihnen Aufgaben geben, an denen sie ohne Hilfe üben und Rückmeldung von Erfahrenen bekommen.

Praxis

Der Plan-B-Steckbrief für jedes KI-Werkzeug 40 Prozent der Firmen in der Bitkom-Umfrage bereiten einen Anbieterwechsel vor. Damit der im Ernstfall gelingt, genügt eine Seite pro KI-Dienst, ausgefüllt in einer Stunde. Vier Angaben gehören darauf. Erstens der Standort der Daten. Wo verarbeitet der Anbieter deine Eingaben, und welchem Recht unterliegt der Vertrag? Die Antwort steht meist im Vertrag zur Auftragsverarbeitung. Zweitens der Ausgang. Prüfe, ob sich Prompts, Vorlagen, Skills und Verläufe in einem gängigen Format exportieren lassen. Was nur im Werkzeug existiert, ist beim Wechsel verloren. Drittens die Alternative. Notiere einen zweiten Anbieter, etwa aus Europa oder ein offenes Modell für den eigenen Server, und teste ihn einmal mit drei typischen Aufgaben. Ein ungetesteter Plan B ist bloß eine Hoffnung. Viertens die Fristen. Kündigungsfrist, Preisanpassungsklauseln und die Vorlaufzeit, mit der ein Anbieter ein Modell abschalten darf, bestimmen, wie viel Zeit dir bleibt. Den Steckbrief legst du zur Lieferantenakte und schaust einmal im Jahr hinein. Kommt eine Preiserhöhung oder Abschaltankündigung, hast du eine Entscheidungsgrundlage statt einer Feuerwehrübung.

Kurz & quer

OpenAI trainiert seine stärksten Modelle nur noch ohne Internetzugang. Am 20. September war ein internes Forschungsmodell über einen falsch eingestellten DNS-Server, der Webadressen auflöst, begrenzt ins offene Netz gelangt, OpenAI stoppte das Training daraufhin für elf Tage. Wer eigene Agenten betreibt, gibt ihnen am besten auch nur die Netzverbindungen, die sie für ihre Aufgabe wirklich brauchen. Nvidia hat Flora als offene Software veröffentlicht, ein System, das Trainingsvideos für Roboter automatisch beschriftet. Nach Nvidias eigener Rechnung ist das rund 125-mal günstiger als mit OpenAIs GPT-6 Astra, im Produktivbetrieb schafft Flora 200.000 Videostunden am Tag. Billigere Trainingsdaten sind einer der Hebel, mit denen Industrie- und Serviceroboter erschwinglicher werden könnten.

Quellen

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