WAVZ® KI-Briefing

Merz will die Daten des Mittelstands, Anthropic verschenkt seine Skills

Friedrich Merz hat beim Investitionsgipfel in Berlin am 19. Oktober zusammen mit Nvidia-Chef Jensen Huang einen Appell an den Mittelstand gerichtet. Laut Nvidia nannte er den Mittelstand den größten Vorteil Deutschlands und bat die Unternehmen, ihre Türen für

KI & Mittelstand

Friedrich Merz hat beim Investitionsgipfel in Berlin am 19. Oktober zusammen mit Nvidia-Chef Jensen Huang einen Appell an den Mittelstand gerichtet. Laut Nvidia nannte er den Mittelstand den größten Vorteil Deutschlands und bat die Unternehmen, ihre Türen für KI zu öffnen, damit diese ihre Daten nutzen kann. Unterlegt wird das mit einer Absichtserklärung zwischen Wirtschafts- und Forschungsministerium und Nvidia. Gemeinsam sollen offene KI-Modelle für die Industrie entstehen, aufbauend auf Nvidias Modellfamilien Nemotron (Sprachmodelle) und Cosmos (Modelle, die physikalische Abläufe simulieren). Offen bedeutet hier, dass ein Betrieb so ein Modell herunterladen und auf eigener Hardware betreiben kann, die Daten verlassen dann das Haus nicht. Die Plattform Industrie 4.0 wird auf industrielle KI ausgerichtet und soll auch mittelständischen Firmen Zugang zu den Projekten verschaffen. Was fehlt, hat das Fachmagazin Computer & Automation aufgelistet. Es gibt keine Zahlen zu Investitionen oder Fördergeld, keine konkreten Projekte und keinen Zeitplan. Ich halte den Appell für richtig adressiert und für zu billig formuliert. Daten sind im Mittelstand oft das Einzige, was ein Wettbewerber nicht kaufen kann. Wer sie öffnet, sollte vorher wissen, wo sie verarbeitet werden und wem das daraus trainierte Modell gehört. Die offenen Modelle sind der brauchbare Teil des Pakets, weil sie diese Frage zugunsten des Betriebs beantworten. Bevor Daten das Haus verlassen, gehört ein Vertrag mit klaren Nutzungsrechten auf den Tisch.

Agentenbuilding

Anthropic hat am 22. Oktober seinen Standard Agent Skills an die Agentic AI Foundation übergeben. Die Stiftung gehört zur Linux Foundation, einer neutralen Organisation, die viele offene Software-Projekte verwaltet. Anthropic hat sie 2025 mit Block und OpenAI gegründet und dort bereits das Model Context Protocol (MCP) abgegeben, den verbreiteten Standard, über den Agenten an fremde Programme andocken. Ein Skill ist ein Ordner mit einer Textdatei namens SKILL.md. Darin steht in normaler Sprache, wie eine bestimmte Aufgabe erledigt wird, dazu können Vorlagen, Nachschlagematerial oder kleine Programme liegen. Der Agent liest den Skill, sobald die Aufgabe ansteht. Nach Anthropics Angaben haben über 70 Agenten-Plattformen den Standard eingebaut, darunter ChatGPT, GitHub Copilot, Cursor und VS Code. Rund eine Million Skills sind veröffentlicht, knapp 280 Millionen Mal wurden sie installiert. Gepflegt wird der Standard künftig von Entwickler:innen mehrerer Firmen, auch von Google und OpenAI. Als Nächstes geplant sind Versionsnummern und Sicherheitsregeln für alle, die Skills schreiben oder installieren. Damit wird eine Arbeitsanweisung, die einmal sauber formuliert ist, unabhängiger vom Anbieter. Wer heute für Claude schreibt, kann dieselbe Datei morgen in Copilot nutzen. Dass die Sicherheitsregeln erst kommen, sollte bei Skills aus fremder Hand vorsichtig machen, denn ein Skill mit Programmteil ist ausführbarer Code.

Wissenschaft & Studien

Knapp 2.000 KI-Agenten haben in 32 Minuten einen Datensatz aus Millionen Mäusehirnzellen ausgewertet. OpenAI, das Start-up PerturbAI und das Forschungsinstitut Scripps Research haben das am 21. Oktober vorgestellt. Jeder Agent bekam genau ein ausgeschaltetes Gen, prüfte die Folgen für die Zellen, suchte Fachliteratur und schlug Erklärungen vor. Danach wurden die Einzelberichte zusammengeführt. Laut dem Fachmagazin R&D World trafen oder verfeinerten die Agenten 48 der 55 Befunde der ursprünglichen Studie, ohne diese zu kennen. Fachleute, die blind urteilten, zogen die Berichte der vielen Agenten in 75 Prozent der Vergleiche denen eines einzelnen Agenten vor, schreibt OpenAI. Die Arbeit liegt als Preprint vor und ist noch nicht begutachtet, Laborversuche zu den neuen Hinweisen stehen aus. Das Muster lässt sich auf Firmen übertragen. Ein großer Berg gleichartiger Fälle, etwa Reklamationen oder Lieferantenbewertungen, wird in kleine Pakete geteilt, die je ein Agent bearbeitet. Welchem Hinweis man nachgeht, entscheidet weiter ein Mensch.

Praxis

Die erste Skill-Bibliothek fürs Haus Uber begleitet die Einführung von ChatGPT Work für über 30.000 Beschäftigte mit einer internen Bibliothek von KI-Skills. So eine Sammlung lohnt sich schon für einen Betrieb mit 20 Leuten, und weil Agent Skills ein offener Standard ist, bindet sie dich nicht an einen Anbieter. Vier Schritte reichen für den Anfang. Erstens drei wiederkehrende Aufgaben mit festen Regeln auswählen, zum Beispiel die Antwort auf Reklamationen, die Prüfung eingehender Angebote oder das Protokoll der Montagsrunde. Gut geeignet ist alles, was heute eine erfahrene Kollegin neuen Leuten mündlich erklärt. Zweitens schreibt die Person, die die Aufgabe am besten kann, dazu eine SKILL.md. Hinein gehören Ziel, Arbeitsschritte, ein gutes und ein schlechtes Beispiel sowie das, was die KI auf keinen Fall tun darf. Für den Start reicht Text mit Nachschlagedateien, ganz ohne Programmcode. Drittens bekommt jeder Skill eine verantwortliche Person und ein Datum der letzten Prüfung. Ändert sich die Preisliste, wird der Skill angepasst. Viertens behandelst du Skills aus dem Internet wie Software. Installiert wird erst nach einer Prüfung, besonders wenn Skripte dabei sind, weil die Sicherheitsregeln des Standards noch in Arbeit sind.

Kurz & quer

  1. OpenAI-Modelle gibt es bald auch über Google Cloud. Die Spitzenmodelle und das Programmierwerkzeug Codex kommen in Googles Modellkatalog Model Garden und werden über den Google Cloud Marketplace abgerechnet. Firmen mit bestehenden Abnahmezusagen bei Google können diese anrechnen, allgemein verfügbar soll das in den kommenden Wochen sein. Wer schon einen Google-Vertrag hat, spart sich damit einen zweiten, zu Rechenzentren in der EU sagt die Ankündigung allerdings nichts. 2) Anthropic testet mit Claude Duet einen Agenten, der von sich aus arbeitet. Er schickt morgens eine Kurzübersicht, beobachtet angebundene Programme wie Gmail, Slack oder QuickBooks und meldet sich, wenn etwas ansteht. Vor dem Senden, Bezahlen, Unterschreiben oder Löschen zeigt er, was er vorhat, und wartet auf Freigabe. Vorerst gibt es eine Warteliste für Pro- und Max-Kund:innen in den USA. Diese Freigaberegeln taugen als Vorlage für eigene Agenten im Betrieb.

Quellen

Daily Briefing

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