WAVZ® KI-Briefing

Ein Prompt knackt über 100 Firmenseiten, und Google haftet für seine KI

Ein Prompt, über 100 gehackte Firmenwebsites Ein einzelner chinesischsprachiger Angreifer ist mit KI-Agenten in die Websites von mehr als 100 Unternehmen eingedrungen, darunter Seiten des Landmaschinenkonzerns John Deere und des Haushaltsgeräteherstellers Shar

KI & Mittelstand

Ein Prompt, über 100 gehackte Firmenwebsites Ein einzelner chinesischsprachiger Angreifer ist mit KI-Agenten in die Websites von mehr als 100 Unternehmen eingedrungen, darunter Seiten des Landmaschinenkonzerns John Deere und des Haushaltsgeräteherstellers SharkNinja. Entdeckt hat das Snorre Fagerland vom Sicherheitsunternehmen NorForge, die Nachrichtenagentur Reuters hat am 19. Oktober darüber berichtet. Die Agenten liefen über Cairn, ein frei verfügbares Programm, das mehrere KI-Agenten gemeinsam auf ein Ziel ansetzt. Sie suchen Server, die zu einer Firma gehören, finden eine öffentlich erreichbare Verwaltungsoberfläche, entdecken dort eine Schwachstelle und führen darüber eigene Befehle aus. Der Auftrag des Angreifers umfasste weniger als 100 chinesische Schriftzeichen, danach arbeiteten die Agenten ohne Aufsicht. Bis zum 18. Oktober hatten sie laut Tom's Hardware mehr als 1.200 Websites ins Visier genommen. SharkNinja zufolge war bei dem Konzern nur eine Seite mit Produktsupport-Informationen betroffen. Ein Angriffsauftrag kostete im Schnitt rund 5 Dollar, etwa jeder zehnte führte zum Ziel, schätzt NorForge. Laut dieser Auswertung liefen die Agenten des Angreifers sehr wahrscheinlich auf DeepSeek V4.1 Flash, einem günstigen chinesischen Sprachmodell. Ausgenutzt wurden altbekannte Schwachstellen, etwa manipulierbare Datenbankabfragen im Login, ungeschützte Datei-Uploads, schlampige Fehlerbehandlung und veraltete Programmbausteine. Im Werkzeugkasten eines Angreifers fanden sich Testumgebungen für die Shopsoftware Magento. Fagerland nennt die Vorgehensweise ausdrücklich keine Spielerei von Anfängern. Das Argument, für gezielte Angriffe zu klein zu sein, hat sich damit erledigt. Wenn ein Einbruchsversuch weniger kostet als ein Mittagessen, lohnt er sich auch beim Ersatzteilshop mit zwölf Beschäftigten. Ich würde diese Woche die Shop- und CMS-Software auf den neuesten Stand bringen und eine Liste aller Admin-Oberflächen anlegen lassen, die aus dem Internet erreichbar sind. Alles auf dieser Liste, was nicht öffentlich sein muss, gehört hinter ein VPN oder einen zusätzlichen Login. KI & Mittelstand Google haftet für das, was seine KI-Suche über Menschen behauptet. Nach dem Landgericht München I hat das jetzt auch das Landgericht Aachen so entschieden (Az. 8 O 268/26). Der KI-Modus der Google-Suche hatte einem Aachener Arzt Vorwürfe sexueller Nötigung und einen Rechtsstreit zugeschrieben, die einen anderen früheren Professor betrafen. Ein Kollege wies den Arzt am 28. August darauf hin, sein Anwalt verlangte noch am selben Tag die Löschung. Mitte September lehnte Google ab. Am 24. September untersagte das Gericht per einstweiliger Verfügung die weitere Verbreitung von drei Textvarianten, für jeden Verstoß droht ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro. Die Kammer wertet die KI-Antworten als Googles eigene Aussagen. Der Konzern leite nicht bloß fremde Seiten durch, die KI setze aus deren Inhalten neue Behauptungen zusammen. Prüfen hätte Google die Angaben an den eigenen Quellen ohne Weiteres können. Genauso hatte im Mai das Landgericht München I im Fall zweier Verleger argumentiert, Google kündigte damals Berufung an und einigte sich dann still. Rechtskräftig ist der Aachener Beschluss noch nicht, Google kann widersprechen. Für Unternehmen hat das zwei Seiten. Wer auf der eigenen Website einen Chatbot Auskunft geben lässt, über Produkte, Kund:innen oder Wettbewerber, sollte damit rechnen, dass ein Gericht dessen Antworten ebenfalls als Aussagen des Betreibers behandelt. Wer umgekehrt von einer KI-Suche falsch dargestellt wird, hat jetzt zwei Landgerichtsentscheidungen, auf die sich ein Anwalt stützen kann.

Agentenbuilding

n8n hat am 19. Oktober eine Bauanleitung veröffentlicht, mit der KI-Workflows ganz ohne Cloud-Dienst laufen. Die Hardware ist Nvidias DGX Spark, ein kompakter KI-Rechner mit 128 GB Arbeitsspeicher, den sich Prozessor und Grafikchip teilen. Darauf laufen sieben offene Modelle, darunter das Sprachmodell Qwen3.6 für Chat und Datenauslese, Whisper für die Umwandlung von Sprache in Text und ein Modell zur Texterkennung in Dokumenten. Alle sitzen hinter einer gemeinsamen Schnittstelle, die genauso aufgebaut ist wie die von OpenAI. n8n spricht die Kiste im Büro deshalb an wie einen Cloud-Anbieter, nur die Adresse ist eine andere. Das Hauptbeispiel ist ein Rechnungsleser. Eine hochgeladene Rechnung wird erkannt, das Sprachmodell zieht Lieferant, Rechnungsnummer, Datum, Betrag und Währung heraus. Ohne Denkmodus dauert die Auslese 0,59 Sekunden, mit Denkmodus 12,1 Sekunden. Alle sieben Modelle belegen zusammen 108 GB, bei acht gleichzeitigen Nutzer:innen beginnt die Chat-Antwort nach 0,29 Sekunden. Laut Autor reicht ein Gerät für ein kleines Team. Mir gefällt, wie offen der Beitrag die Schwächen auflistet. Bei einer Umsatzsteuer-ID fiel eine Ziffer weg, Whisper erfand am Ende einer Aufnahme ein „Thank you“, und gescannte oder fotografierte Rechnungen wurden gar nicht getestet. Für Praxen, Kanzleien und Steuerbüros, deren Daten das Haus nicht verlassen sollen, ist das die bisher konkreteste Vorlage, solange jede ausgelesene Nummer vor dem Buchen geprüft wird.

Wissenschaft & Studien

OpenAI hat am 19. Oktober gemessen, wie gut seine Modelle mit alten Programmiersprachen zurechtkommen. Für COBOL, Fortran oder Visual Basic gibt es viel weniger Code und Dokumentation zum Lernen als für Python, obwohl COBOL laut OpenAI in über 40 Prozent der Online-Banking-Systeme steckt. Im neuen Test MultiLangBench soll ein Modell in 20 Sprachen eine Datenbank bauen. GPT-6 Astra besteht im Schnitt 87,4 Prozent der Tests, der Vorgänger GPT-5.6 Sol kam auf 26,8. In Visual Basic stieg der Wert von 27,5 auf 89,4 Prozent, in COBOL von 10,9 auf 72,1. Beim Übertragen von COBOL-Programmen in moderne Sprachen erreicht GPT-6.1 Sol bis zu 97,9 Prozent. Das sind Messungen des Herstellers, und OpenAI schreibt selbst, dass Fachleute jede Migration prüfen müssen. Bei Finanzcode zählt jede Nachkommastelle, denn COBOL schneidet überzählige Stellen ab, und eine Übersetzung, die stattdessen rundet, liefert ohne jede Fehlermeldung andere Beträge. Für das Visual-Basic-Programm aus den Neunzigern, an das sich im Betrieb keiner mehr herantraut, wird ein Umbau mit KI-Hilfe trotzdem greifbar.

Praxis

Wenn eine KI Falsches über deine Firma erzählt Im Aachener Fall fiel die Falschaussage nur auf, weil ein Kollege zufällig danach gesucht hatte. Mit vier Schritten bist du auf so etwas vorbereitet. Erstens regelmäßig nachfragen. Einmal im Monat Firmenname, Geschäftsführung und wichtigste Produkte im KI-Modus von Google und in ChatGPT abfragen, am besten durch eine feste Person mit Termin im Kalender. Zweitens sauber dokumentieren. KI-Antworten ändern sich von Abfrage zu Abfrage, in Aachen untersagte das Gericht gleich drei Textvarianten. Deshalb gehören Screenshot, Datum, Uhrzeit und der genaue Wortlaut der Frage in die Akte. Drittens schnell und schriftlich reagieren. Die Löschungsforderung nennt die falsche Behauptung, die richtige Tatsache und einen Beleg dafür. Wer im Eilverfahren eine einstweilige Verfügung will, darf nicht wochenlang warten, das Gericht prüft die Dringlichkeit. Viertens früh juristischen Rat holen. Lehnt der Anbieter ab, ist ein Anwalt für Medien- und Persönlichkeitsrecht der richtige nächste Schritt, er kann einschätzen, ob die Begründung aus München und Aachen auf deinen Fall passt. Diese Liste ersetzt keine Rechtsberatung, sie sorgt nur dafür, dass du beim Termin die nötigen Unterlagen dabeihast.

Kurz & quer

  1. Microsoft behandelt KI-Agenten künftig wie mögliche Innentäter. Neue Sicherheitsfunktionen in der Lizenz Microsoft 365 E7 (99 US-Dollar pro Nutzer und Monat) bewerten jeden Agenten laufend nach Risiko, entziehen ihm bei Bedarf Schreibrechte, verlangen eine menschliche Freigabe oder schalten ihn ab, berichtet GeekWire. Die Erkennung von Agenten auf Arbeitsrechnern wächst von 25 auf 60 Typen, darunter Claude Code und Codex. Noch ist das eine private Vorschau, breiter verfügbar soll es zur Konferenz Ignite Mitte November werden. Wer nicht weiß, welche Agenten Beschäftigte auf eigene Faust installiert haben, bekommt damit wenigstens ein Inventar. 2) KI-Agenten kaufen bei Stripe erstmals in nennenswertem Umfang ein. Über den Bezahldienst Link stieg die Zahl der Agenten-Käufe im September um das 38-Fache, das Volumen um das 20-Fache, allerdings von kleiner Basis, berichtet The Decoder nach Daten von Upstarts Media. Ein typischer Kauf liegt bei rund 100 Dollar, die Agenten bekommen statt der echten Kartennummer eine eigene 16-stellige Nummer mit Ausgabenlimit. Onlineshops sollten ihren Bestellprozess darauf testen, ob er auch mit einem Agenten als Käufer funktioniert. 3) MiniMax M3.1 Flash kostet 0,15 Dollar pro Million Eingabe-Token und 0,60 Dollar pro Million Ausgabe-Token. Token sind die Wortbausteine, nach denen KI-Anbieter abrechnen. Im Index von Artificial Analysis kommt das chinesische Modell auf 42 Punkte, knapp hinter DeepSeek V4.1 Flash mit 45, die offenen Gewichte sollen am 23. Oktober folgen. Die Halluzinationsrate liegt laut The Decoder bei 93 Prozent, weil das Modell auch dann antwortet, wenn es etwas nicht weiß. Für Faktenfragen ohne Gegenprüfung ist es damit trotz des Preises die falsche Wahl.

Quellen

Daily Briefing

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