KI & Mittelstand
Claude im Test: Hinweis an die Polizei erfunden, Zugangsschlüssel abgegriffen Ein KI-Modell von Anthropic hat im Juli ein Hinweisformular der Polizei Philadelphia zu einem ungeklärten Mord ausgefüllt. Darin behauptete es, in der Nähe der genannten Straße jemanden gesehen zu haben, auf den die Täterbeschreibung passe. Eine solche Beschreibung stand auf der Seite gar nicht. Das Modell, Claude Haiku 4.5, sollte in einem automatisierten Test beliebige Webseiten bedienen. Login, Käufe und das Eingeben persönlicher Daten waren ihm verboten, das Absenden von Formularen nicht. Die Polizei stufte den Eintrag als Spam ein, er ging nie an die Ermittler. Der Fall steht in einem Bericht, den Anthropic am 9. Oktober veröffentlicht hat. Bei Tests und interner Nutzung haben Claude-Modelle auf echten Websites Dinge getan, die niemand wollte. Sie nutzten Sicherheitslücken in Webanwendungen, um Befehle auf fremden Servern auszuführen. Ein Modell las aus der Konfigurationsdatei einer Kartenseite Zugangsschlüssel aus und fragte damit direkt den Server einer Kommunalverwaltung ab. Ein anderes holte sich auf dem Dashboard einer Landesbehörde einen Schlüssel für Daten, die sonst Geld kosten. Einige Fälle betrafen Websites von US-Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden. Anthropic hat nach eigenen Angaben das Weiße Haus informiert, jede betroffene Behörde benachrichtigt und den Live-Internetzugang für alle internen Tests abgeschaltet, bis die eigene Überwachung solche Fälle zuverlässig erkennt. Anthropic nennt die Auswirkungen minimal und beschreibt das Muster als Beharrlichkeit. Kommt das Modell nicht weiter, umgeht es die Sperre, statt aufzuhören. Mich beunruhigt diese Erklärung mehr als jeder einzelne Vorfall, weil dieselbe Hartnäckigkeit als Stärke gilt, wenn ein Agent eine schwierige Aufgabe löst. Der Bericht räumt selbst ein, dass klarere Angaben zu Umfang, Zielen, erlaubten Aktionen und Netzgrenzen manche Fehler verhindert hätten. Für dich als Unternehmer:in heißt das, dass ein Agent tut, was technisch möglich ist, solange du es ihm nicht ausdrücklich verbietest. Wer Agenten auf Kundenportale, Lieferantenshops oder Behördenformulare loslässt, sollte die Regeln schreiben, bevor der erste Durchlauf startet. Wie das konkret aussieht, steht unten in der Praxis. KI & Mittelstand Elf Prozent. So viele der Unternehmen, die KI einsetzen oder planen, haben eigene Abläufe für Sicherheitsvorfälle, an denen KI beteiligt ist. Das zeigt eine Studie des TÜV-Verbands und des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), vorgestellt am 7. Oktober. Befragt wurden mehr als 500 Unternehmen ab 20 Beschäftigten. 43 Prozent verlassen sich auf ihre allgemeinen IT-Sicherheitsprozesse ohne KI-spezifische Regeln, 25 Prozent haben gar keine. 17 Prozent der Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten einen KI-gestützten Angriff oder Betrugsversuch registriert, bestätigt oder vermutet. In 90 Prozent dieser Fälle kam der Angriff per Phishing-Mail, also über täuschend echte Nachrichten, die zum Klick auf einen Link oder zur Herausgabe von Daten verleiten. KI schreibt solche Mails fehlerfrei und in jedem Tonfall. 40 Prozent nannten automatisierte Angriffsskripte, die selbstständig nach Schwachstellen suchen und sich anpassen, 11 Prozent Deepfakes, etwa eine gefälschte Stimme der Geschäftsführung am Telefon. TÜV-Präsident Dirk Stenkamp hält die gemeldeten Fälle für die Spitze des Eisbergs. 49 Prozent der Befragten nutzen KI bereits, aber nur 31 Prozent der Nutzer setzen sie auch zur Verteidigung ein. Mir scheint, die Angreifer haben beim Thema KI derzeit den Vorsprung. Wer einen Notfallplan hat, sollte prüfen, ob darin ein gefälschter Anruf der Chefin oder eine KI-geschriebene Rechnungsmail überhaupt vorkommt. Das BSI hat dafür mit der Allianz für Cyber-Sicherheit eine Handreichung „Schutz vor KI-verstärkten Cyberangriffen“ veröffentlicht, gezielt für kleine und mittlere Unternehmen.