SELBSTVERSUCH

Acht Stunden, eine Band, kein Musiker.

Ein Arbeitstag, eine Handvoll KI-Tools und am Ende eine komplette Band mit Song, Look, Clip und Website. Mein Bericht über Akkordeon, Après-Ski und ein Wort, das sich partout nicht singen lassen wollte.

Ski, Akkordeon und Rockhand im WAVZ-Stil

Was schafft man mit KI an einem einzigen Arbeitstag? Diese Frage ging mir schon länger nach. Also habe ich mir acht Stunden genommen und ein Projekt umgesetzt, in dem möglichst unterschiedliche Disziplinen zusammenkommen. Am Ende standen ein Song, eine virtuelle Band mit eigenem Corporate Design, Cover und Bildwelt, ein animierter Filmclip, eine Website und die Einreichung bei über 25 Musikplattformen. Kleines Detail am Rande: Ich spiele in keiner Band und habe auch sonst mit Musikproduktion nichts zu tun.

01 Ein Merksatz wird zum Song

Der Auslöser kam im Urlaub. Eine Freundin erzählte eine Geschichte rund um den guten alten Englisch-Merksatz „He, she, it – das S muss mit“. Mein spontaner Kommentar: Daraus könnte man einen Song machen. Eigentlich nur ein Spaß. Aber eben auch genau der Testfall, den ich gesucht hatte. Kreative, gestalterische und technische Aufgaben in einem Projekt, verteilt auf mehrere KI-Werkzeuge, deren Ergebnisse am Ende zusammenpassen müssen.

Ohne KI hätte das anders ausgesehen. Manches kann ich selbst, für vieles fehlen mir schlicht die Skills. Ich hätte Leute finden, briefen und koordinieren müssen. Mit KI konnte ich selbst an Aufgaben arbeiten, die sonst außerhalb meiner Möglichkeiten liegen.

02 Der Tool-Stack

Immer mit dabei: mein Dot, mein persönlicher KI-Assistent in ChatGPT. Dort entstanden auch die Lyrics. Musik und Gesang kamen von Suno. Die fiktive Band taufte ich „Die Schlitzohren“, das Corporate Design entwickelte ich mit Claude. Das Bildmotiv entstand mit Nano Banana 2 in Adobe Firefly, die Animation mit Ray 3, der Feinschliff mit Firefly Video 2. Screendesign und Website baute ich in Lovable. Für den Release nutzte ich DistroKid, einen digitalen Musikvertrieb, der Songs an Spotify, Apple Music, Amazon Music, YouTube Music und Co. ausliefert. Die Einrichtung dort hat mein Dot direkt im Browser erledigt.

03 Ballermann? Nein danke

Cover der Schlitzohren: Band auf der Bühne vor feiernden Gästen in Skikleidung, Titel „He, she, it – Das S muss mit!“
Das Cover der Schlitzohren.
Spotify-Bildschirmfoto: Künstlerseite von Die Schlitzohren, rechts der abspielende Titel „Das S muss mit!“ mit Songinfos und Credits
Die Künstlerseite auf Spotify mit dem laufenden Titel, Bildschirmfoto.

Song auf Spotify anhören

Die erste Fassung klang nach Ballermann. Nicht meine Musik, entsprechend wenig überzeugte mich das Ergebnis. Mit Blick auf die anstehende Skisaison kam die bessere Idee: Après-Ski, mit Akkordeon und bayerischem Akzent. Das passte. Also alles auf Anfang, neu aufgesetzt und so lange an der Richtung gedreht, bis der Sound auch mir gefiel. Diese Extrarunden stecken mit in den acht Stunden.

04 Showdown mit einem einzigen Wort

Am längsten gekämpft habe ich ausgerechnet mit einem Wort. Suno bekam die englische Aussprache von „He“ einfach nicht hin. Ein kompletter Song mit Gesang und Instrumenten? Kein Problem. Zwei Buchstaben? Endstation. Wer mich kennt, weiß: So etwas treibt mich in den Wahnsinn. Ich habe Versuch um Versuch gestartet und Zeit verbrannt, ohne dass sich etwas bewegt hätte. Irgendwann stand die Frage im Raum, ob ich den Rest meines Zeitbudgets in dieses eine Wort versenke. Habe ich nicht. Gesungen wird jetzt „Hey“, das geht auch als Zuruf durch. Damit kann ich leben.

05 Sieht geordnet aus. War es nicht.

Längerer Ausschnitt von schlitzohren.rocks: Startbereich „He, she, it – das S muss mit!“, darunter CD-Hülle, Streaming-Links und der Beginn der Geschichte
Die Website schlitzohren.rocks, Bildschirmfoto der Startseite.

Song und Projekt ansehen und anhören

Aufgeschrieben wirkt das wie ein sauberer Ablauf. Tatsächlich habe ich Ergebnisse verworfen, Prompts umgebaut, KIs gewechselt und Varianten gegeneinander antreten lassen. Der erste Website-Entwurf traf meine Vorstellung nicht, also habe ich das Design weiterentwickelt und zusätzliche grafische Elemente gebaut, bis der Auftritt rund war. Die Animation brauchte mehrere Anläufe: Bewegungen wirkten unnatürlich, Menschen sprangen durch andere Menschen.

Erzeugen kann man so etwas. Verwenden will man es noch lange nicht.

06 Was der Tag gekostet hat

Nach acht Stunden eigener Arbeit stand das Projekt in diesem Umfang. Nicht eingerechnet ist die Freischaltung durch die Streamingdienste, die hat ihre eigene Laufzeit. Meine Einreichung war durch, wann der Song tatsächlich verfügbar ist, entscheiden die Anbieter.

Finanziell blieb es überschaubar: ein paar Tools und Credits, teils über Abos, die ich ohnehin habe. Beim Video wäre mit einem spezialisierten Anbieter vermutlich ein besseres Ergebnis drin gewesen. Auf ein zusätzliches Abo dafür habe ich aber verzichtet. Externe Produktionsleistungen musste ich nicht einkaufen. Wie groß der Kostenvorteil gegenüber einer klassisch beauftragten Produktion wirklich ist, zeigt erst eine saubere Gegenrechnung.

Auf der anderen Seite stehen die Leistungen, die ich sonst selbst hätte erbringen oder einkaufen müssen: Songtext und Komposition, Musiker und Aufnahme, Gestaltung, Bilder, Video, Website. Bis die Leute dafür gefunden, gebrieft und aufeinander abgestimmt sind, vergehen nach meiner Einschätzung mehrere Wochen, eher Monate. Für die genaue Rechnung hätte ich gern belastbare Zahlen von Leuten, die solche Produktionen beruflich machen, sowohl zu den Kosten als auch zu den Stunden aller Beteiligten. Eine ausgedachte fünfstellige Summe würde die Story zwar aufpumpen, den Vergleich aber keinen Millimeter besser machen.

07 Und die Qualität?

Die gehört genauso auf den Tisch. Echte Musiker im Studio oder eine Band auf der Bühne arbeiten völlig anders als Suno. Trotzdem lässt sich bewerten, ob mein Song für einen Release taugt und ob Design, Clip und Website zusammen funktionieren. Gerade von Musikproduzenten und echten Bands würde mich interessieren: Wo ordnet ihr den Song ein? Was würdet ihr nachbearbeiten, oder würdet ihr ihn direkt einstampfen? Erst dann wird klar, welche Leistungen und Ergebnisse sich fair vergleichen lassen.

08 Was bleibt

Das Ergebnis kann sich jeder ansehen und anhören. In acht Stunden ist ein zusammenhängendes Projekt entstanden, das Arbeit aus mehreren Fachgebieten bündelt. Ich habe die Richtung vorgegeben, die Werkzeuge eingesetzt, Ergebnisse beurteilt und weitergetrieben. Und gelegentlich einem einzelnen Wort weniger Aufmerksamkeit geschenkt, als mir lieb war.

Was ich daraus mitnehme, erlebe ich in meiner Arbeit mit Unternehmen immer wieder: Die Logik hat sich umgedreht. Früher war die Umsetzung der teure Teil, und nach ihr richtete sich alles andere aus. Selbst im Lean Startup, das genau dafür gedacht ist, schnell zu lernen, hing der Takt am Bauen. Das MVP war ja gerade der Versuch, möglichst wenig bauen zu müssen. Man hat geplant, abgesichert und erst dann produziert, weil jeder Fehlversuch Zeit und Geld gekostet hat.

Heute steht ein vorzeigbares Ergebnis nach einem Arbeitstag. Der Engpass ist jetzt ein anderer: herauszufinden, ob es ankommt. Ich muss nicht mehr monatelang raten. Ich kann bauen, rausgehen und mit der Zielgruppe nachschärfen, während andere noch an ihrem Briefing sitzen.

09 Wie geht’s weiter?

Die Schlitzohren stecken jetzt genau in dieser Phase. Nach den acht Stunden habe ich mit meinem Dot einen Facebook-Auftritt eingerichtet und einen ersten Clip gepostet. Instagram war auch geplant. Das Konto wurde allerdings deaktiviert, ohne dass man mir einen konkreten Verstoß genannt hätte. Warum, weiß ich nicht. Das Material ist da. Wie es sein Publikum findet, ist die nächste Baustelle. Einen Hit zu landen war nie das Ziel. Ob der Song bei Leuten hängen bleibt, interessiert mich trotzdem brennend.

Wer hat selbst getestet, was mit KI an einem Arbeitstag geht? Und an alle, die so etwas beruflich machen: Mit welchem Zeit- und Kostenaufwand würdet ihr ein vergleichbares Ergebnis ohne generative KI kalkulieren? Und wie bewertet ihr die Qualität dessen, was hier entstanden ist?

Falls eine Band Lust hat, den Song mal in echt zu spielen: Ich würde mich natürlich freuen, ihn zu hören.

10 Acht Stunden im Überblick

ZEITAUFWAND

Ungefähre, gerundete eigene Arbeitszeiten inklusive Korrekturrunden. Nicht enthalten: die spätere Einrichtung von Facebook und die Freischaltung durch die Musikplattformen.

ARBEITSSCHRITTKI / WERKZEUGZEIT
LyricsChatGPT30 Min.
Musik und GesangSuno2 Std. 30 Min.
Corporate DesignClaude1 Std.
Bild-KeyvisualNano Banana 2 in Adobe Firefly30 Min.
Bilder für die WebsiteLovable15 Min.
BildanimationRay 3 in Adobe Firefly30 Min.
Video-NachbearbeitungAdobe Firefly Video 215 Min.
Screendesign und WebsiteLovable1 Std. 45 Min.
Einreichung über DistroKidChatGPT (Dot)45 Min.
Gesamtca. 8 Std.